Teil 6. Mashups – Fokus auf Benutzeroberflächen, nicht auf Prozessen

Mashups sind leichtgewichtige UI-Anwendungen, die Inhalte aus unterschiedlichen Datenquellen visuell in einer Oberfläche zusammenfügen. Typische Aspekte für Mashups sind:

  • Wiederverwendung existierender Oberflächen oder UI-Komponenten

  • Integration auf Darstellungsebene, nicht auf Prozess- oder Logikebene

  • Daten kommen direkt aus Systemen, oft ohne zusätzliche fachliche Logik

  • Jede Oberfläche ist in einem eigenen Fensterbereich eingebettet

Mashups sind also Anwendungen, deren Teilbildschirme konkreten Systemen zugeordnet sind und Daten direkt daraus beziehen.

Mashups eignen sich für:

  • schnelle UI-Kombinationen

  • rollenbasierte Sichten

  • reine Informationsaggregation

Mashups sind NICHT geeignet für:

  • komplexe Abläufe

  • fachliche Logik

  • End-to-End-Prozesse

Sie lösen ein UI-Problem – kein Prozessproblem.

Integrationslösungen – technische Kommunikation im Fokus

Integrationslösungen (klassisch: EAI – Enterprise Application Integration) lösen ein anderes Problem: Sie konzentrieren sich auf die technische Integration von Systemen und Partnern, z. B. für Datentransfer, Routing oder synchrone/asynchrone Kommunikation.

Bei klassischen Integrationslösungen stehen primär technische Aspekte im Vordergrund – nicht der fachliche Prozess, sondern das Zusammenspiel von Anwendungen und die Automatisierung des Datenaustauschs.

Typische Aufgaben von Integrationslösungen:

  • Nachrichtenformate transformieren

  • Daten zwischen Systemen transportieren

  • Prozesse auf technischer Ebene optimieren

  • Verbindung zu Partnern sichern

Integrationslösungen eignen sich für:

  • B2B-Anbindungen

  • System-Schnittstellen

  • Messagebasierte Abläufe

Sie bilden keine Endanwender-Anwendung ab und steuern keine fachlichen Workflows.

Prozessgesteuerte Anwendungen als neuer Anwendungstyp

Prozessgesteuerte Anwendungen gehen weit über Mashups und Integrationslösungen hinaus. Sie bilden neue fachliche Prozesse ab, die:

  • über mehrere Systeme laufen

  • differenzierend sind und für Wettbewerbsvorteile sorgen

  • dynamisch, kollaborativ und End-to-End sind

Die Anwendung „komponiert“ neue Abläufe aus bestehenden Services, stellt aber eigene Prozesslogik, UIs und Geschäftsobjekte bereit.

Im Gegensatz zu Mashups:

→ nutzen prozessgesteuerte Anwendungen keine UI-Fragmente bestehender Systeme,
sondern definieren eigene, aufgabenorientierte Oberflächen.

Im Gegensatz zu Integrationslösungen:

→ orchestrieren sie fachliche Prozesse, nicht nur technischen Datenaustausch.

Prozessgesteuerte Anwendungen eignen sich für:

  • Unternehmensspezifische, differenzierende Prozesse

  • Prozesslücken, die Standardsoftware nicht abdeckt

  • Szenarien mit hohem Koordinationsbedarf

  • End-to-End-Abläufe über Systeme und Organisationen hinweg

Es zeigt sich folglich klar:
Prozessgesteuerte Anwendungen sind eigenständige, fachliche Anwendungen, nicht nur Integrationsartefakte oder UI-Mashups.

Die zentrale Abgrenzung im Überblick

Anwendungstyp
Mashup
Integrationslösung
Prozessgesteuerte Anwendung

Zweck
UI-Zusammenführung
Technische Kommunikation
Neue fachliche Prozesse

Ebene
Oberfläche
Systemintegration
Prozess + UI + Dienste

Typische Nutzung
Informationsaggregation
Datentransfer, Routing, B2B
End-to-End-Prozesse, Prozesslücken

Wichtigster Unterschied:

Prozessgesteuerte Anwendungen definieren die Außenschnittstellen (Serviceverträge) selbst und sind unabhängig von den Backend-Systemen, während Mashups und Integrationslösungen sich direkt auf existierende Schnittstellen stützen.

Fazit: Nur Prozessgesteuerte Anwendungen lösen das fachliche Prozessproblem

Mashups lösen UI-Probleme.
Integrationslösungen lösen technische Probleme.
Prozessgesteuerte Anwendungen lösen fachliche Prozessprobleme – und genau diese sind entscheidend für Differenzierung und Wettbewerbsfähigkeit.

Mit ihrer klaren Trennung von Prozessen, Benutzeroberflächen und Services sowie ihrer Unabhängigkeit von Backend-Systemen sind sie ein unverzichtbarer Bestandteil moderner, agiler IT-Architekturen.

Quelle / Ursprung

Dieser Blogbeitrag basiert auf Inhalten aus dem Buch
„Prozessgesteuerte Anwendungen entwickeln und ausführen mit BPMN: Wie flexible Anwendungsarchitekturen wirklich erreicht werden können“ von Prof. Dr. Volker Stiehl.

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Teil 5. Definition prozessgesteuerter Anwendungen – Grundlagen & Merkmale