Die drei Säulen prozessgesteuerter Anwendungen

1. Methodologie – Die prozessgesteuerte Denkweise

Im Zentrum prozessgesteuerter Anwendungen steht nicht die Technologie, sondern die fachlichen Prozesse. Deshalb beginnt die Methodologie auch Top-Down: Ausgehend von den Zielprozessen werden Schritt für Schritt die Bestandteile der Anwendung abgeleitet, unabhängig von der existierenden Systemlandschaft.

Die prozessgesteuerte Denkweise stellt klar:
Die fachlichen Zielprozesse von prozessgesteuerten Anwendungen werden nicht von vorhandenen APIs bestimmt, sondern von der Frage: Welche Daten und welche Funktionalitäten benötigen die Zielprozesse wirklich?

Die Methodologie umfasst drei Kernprinzipien:

Top-Down-Dekomposition
Die Fachprozesse werden fachlich zerlegt, bis klar ist, welche Services, Objekte und UI-Elemente benötigt werden.

Fachliche Trennung von Prozessen
Die Methodik unterscheidet bewusst zwischen fachlichen und technischen Prozessen, die getrennt modelliert und umgesetzt werden sollen.

Unabhängigkeit von Backend-Systemen
Prozessgesteuerte Anwendungen definieren ihre Schnittstellen (Serviceverträge) selbst – sie übernehmen nicht die Strukturen existierender Systeme.

Damit schafft die Methodologie die Grundlage für echte Flexibilität:
Fachlichkeit zuerst – Implementierung später.

2. Architektur – Das Schichtenmodell als Grundlage

Die Architektur prozessgesteuerter Anwendungen folgt einem klaren, erprobten Schichtenmodell, das wie folgt zusammengefasst werden kann:

1. Prozessschicht
Sie bildet die fachlichen Abläufe ab – agile, dynamische, kollaborative Prozesse, die über mehrere Systeme laufen.

2. Benutzeroberflächenschicht
Aufgabenorientierte UIs unterstützen die jeweiligen Rollen in den Prozessen. Sie sind speziell für die Anwendung gebaut – keine Wiederverwendung von Backend-Masken.

3. Geschäftsobjekt- & Serviceschicht
Hier liegen die technischen Implementierungen für:
Neue fachliche Geschäftslogik in Form von (Micro-)Services

Persistenz neuer, für die prozessgesteuerte Anwendung essenzieller Geschäftsobjekte. Für diese Objekte ist die prozessgesteuerte Anwendung das führende System

4. Servicevertragsschicht (SC - Service Contract)
Schnittstellenbeschreibungen aus Sicht der prozessgesteuerten Anwendung für externe Bedürfnisse, sowohl hinsichtlich der Aufrufe nach Außen als auch für Aufrufe von Außen

5. Servicevertrag-Implementierungsschicht (SCIL - Service Contract Implementation Layer)
Umsetzung der in der Servicevertragsschicht geforderten Dienste in Form von Integrationen in die bereits existierende IT-Landschaft und Service-Welt

Dieses Schichtenmodell ermöglicht:

  • klare Verantwortlichkeiten

  • lose Kopplung

  • Austauschbarkeit von Implementierungen

  • strukturiertes Vorgehen beim Design

  • Wiederverwendung von Funktionalitäten

Besonders hervorzuheben ist die Rolle der Serviceverträge. Für sie gilt:

  • Ein Vertrag je Prozessanwendung

  • Fachlich motivierte Schnittstellen

Hinsichtlich der Begrifflichkeiten und Kardinalitäten gilt:

  • Eine prozessgesteuerte Anwendung besitzt genau einen Servicevertrag (1:1)

  • Ein Servicevertrag besteht aus mindestens einem Service (1:n)

  • Ein Service besteht aus mindestens einer Serviceoperation (1:n)

  • Für jeden Servicevertrag kann es mehrere Implementierungen geben (1:n), abhängig von den Ziel-IT-Landschaften, auf denen die prozessgesteuerte Anwendung agieren soll

Unabhängigkeit von konkreten Backend-APIs und deren Datenstrukturen

Die Architektur schafft damit die Basis für Entkopplung, Kontrolle und Wiederverwendbarkeit.

3. BPMN – Die gemeinsame Sprache

Die dritte Säule ist die Modellierungssprache BPMN, die in der Methodologie als das zentrale Werkzeug anzusehen ist – sowohl für fachliche als auch für technische Prozesse.

Warum ist BPMN so essenziell?

1. Einheitliches Verständnis
Fachbereiche und IT sprechen dieselbe Sprache: BPMN-Modelle sind für Fachlichkeit und Entwickler zugänglich.

2. Klare Trennung der Prozessarten
BPMN unterstützt sowohl:
fachliche Prozesse (Endanwender-Ablauflogik)

technische Prozesse (Integrations- und Serviceaufrufe)

und macht diese Trennung explizit.

3. Ausführbarkeit
BPMN ist nicht nur Modellierung – sie ist auch Laufzeitlogik. Damit können:
Prozessschritte automatisiert,

Nachrichten gesteuert,

Services orchestriert

und Abläufe flexibel angepasst werden.

4. Integration
Gerade aufgrund der heterogenen Systemlandschaften (SAP, Non-SAP, Legacy, Cloud) empfiehlt sich BPMN als Orchestrierungsschicht, wobei jedoch aus den ausführbaren BPMN-Modellen die Backendsysteme nie direkt aufgerufen werden. Hierfür sieht die Architektur dedizierte Integrationslösungen vor.

Damit wird BPMN zum verbindenden Element zwischen Methodologie und Architektur – ein Werkzeug, das Prozesse nachvollziehbar, automatisierbar und veränderbar macht.

Fazit – Erst die drei Säulen gemeinsam schaffen echte Flexibilität

Prozessgesteuerte Anwendungen entfalten ihr Potenzial nur, wenn:

  • Methodologie sicherstellt, dass fachliche Anforderungen im Zentrum stehen

  • Architektur eine stabile, lose gekoppelte Struktur liefert

  • BPMN Prozesse klar, ausführbar und anschlussfähig abbildet

Diese drei Säulen machen es möglich, komplexe End-to-End-Prozesse abzubilden, ohne sich in der IT-Landschaft zu verlieren. Sie sind der Schlüssel für flexible, nachhaltige und langfristig kosteneffiziente digitale Lösungen.

Quelle / Ursprung

Dieser Blogbeitrag basiert auf Inhalten aus dem Buch „Prozessgesteuerte Anwendungen entwickeln und ausführen mit BPMN: Wie flexible Anwendungsarchitekturen wirklich erreicht werden können“ von Prof. Dr. Volker Stiehl.

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Top-Down statt Bottom-Up

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Teil 6. Mashups – Fokus auf Benutzeroberflächen, nicht auf Prozessen