Definition prozessgesteuerter Anwendungen – Grundlagen & Merkmale

In modernen, heterogenen IT-Landschaften reicht klassische Unternehmenssoftware oft nicht mehr aus, um die komplexen, dynamischen und abteilungsübergreifenden Prozesse eines Unternehmens flexibel abzubilden. Genau hier setzen prozessgesteuerte Anwendungen an.

Sie sind ein eigenständiger Anwendungstyp, der speziell dafür entwickelt wurde, innovative Geschäftsprozesse über System-, Funktions- und Organisationsgrenzen hinweg zu unterstützen – und das in einer Weise, die klassische Standardsoftware oder reine Integrationslösungen nicht leisten können.

Was sind prozessgesteuerte Anwendungen? – Die offizielle Definition

Das in dieser Artikelserie schon oft referenzierte Buch von Volker Stiehl liefert eine klare und präzise Definition:

Prozessgesteuerte Anwendungen sind fachlich-orientierte Applikationen, die differenzierende Ende-zu-Ende-Geschäftsprozesse unterstützen, wobei die Prozesse Funktions-, System- und Organisationsgrenzen überschreiten, indem sie die von Plattformen und Anwendungen bereitgestellten Daten und Funktionalitäten wiederverwenden.

Diese Definition bringt mehrere Kerngedanken auf den Punkt:

  • Der Prozess ist der Ausgangspunkt – nicht die Technik.

  • Sie integriert bestehende Systeme, ohne sie nachzubauen.

  • Sie schafft neue, differenzierende Funktionalität, die Standardsoftware nicht abdeckt.

Kurz: Prozessgesteuerte Anwendungen sind maßgeschneiderte Endanwender-Applikationen, die moderne Geschäftsprozesse flexibel und nachhaltig unterstützen.

Warum braucht es prozessgesteuerte Anwendungen?

In gewachsenen Unternehmenslandschaften sind Prozesse oft:

  • verteilt über viele Systeme

  • abhängig von zahlreichen Teams

  • unstrukturiert oder nur teilweise automatisiert

  • von manuellen Workarounds geprägt (E-Mails, Excel-Dateien, Excel-Listen usw.)

Klassische Standardsoftware stößt hier an Grenzen – sie bildet häufig nur branchenweite, standardisierte Prozesse ab, nicht jedoch die unternehmensspezifischen, innovativen Abläufe, die Wettbewerbsvorteile bringen.

Prozessgesteuerte Anwendungen schließen diese Lücke.

Die zentralen Merkmale prozessgesteuerter Anwendungen

Aus der Definition lassen sich klare Eigenschaften ableiten:

1. Sie sind eigenständige, fachlich motivierte Applikationen

Sie decken neue fachliche Funktionalität ab, statt Standardprozesse neu zu implementieren.
Treiber sind Fachabteilungen, nicht die IT-Infrastruktur.

2. Sie kombinieren bestehende Funktionalität zu neuen Prozessen

Eine prozessgesteuerte Anwendung erfindet die Welt nicht neu, sondern nutzt vorhandene Dienste, APIs und Geschäftslogik aus Backend-Systemen und orchestriert sie zu neuen Abläufen.

3. Sie nutzen lose Kopplung als Architekturprinzip

Die fachliche Anwendung und ihre Prozesse sind bewusst unabhängig von der vorhandenen IT-Landschaft.
Sie definiert ihre eigenen fachlichen Anforderungen in Form eines Servicevertrags, ohne sich an Backend-Strukturen zu binden.

4. Sie arbeiten mit aufgabenorientierten Benutzeroberflächen

Benutzeroberflächen sind exakt auf die jeweiligen Rollen im Prozess zugeschnitten – und nicht an Backend-Masken gebunden.

5. Sie unterstützen Ende-zu-Ende-Prozesse

Sie verbinden Aktivitäten über:

  • Systeme

  • Abteilungen

  • Organisationen

  • Partner und Lieferanten

… hinaus.

6. Sie folgen einem klaren Schichtenmodell

Im wesentlichen wirken drei Schichten zusammen:

  • Prozessschicht – fachlicher Ablauf

  • Integrationsschicht-Schicht – technische Integration

  • Service- & Geschäftsobjektschicht – Daten, Persistenz und Geschäftslogik

7. Sie nutzen Serviceverträge als Außendarstellung

Der Servicevertrag beschreibt genau das, was die Prozesse der Anwendung benötigen – nicht mehr und nicht weniger.
Er ist fachlich getrieben und unabhängig von bestehenden APIs.

8. Sie sind optimal für Szenarien mit hohem Koordinations- und Kollaborationsbedarf

Typische Einsatzgebiete:

  • Unternehmensspezifische Prozesslücken

  • End-to-End-Szenarien über mehrere Systeme

  • Prozesse, die heute per E-Mail, Excel oder Word laufen

  • Abläufe mit hohem Kommunikationsaufwand

  • Prozesse mit interaktiven und automatischen Aktivitäten

Was unterscheidet sie von Mashups, Standardsoftware oder Integrationslösungen?

Die genannten Alternativen grenzen sich zu prozessgesteuerte Anwendungen klar ab:

Nicht wie Standardsoftware:

Standardsoftware bildet generische, branchenweite Prozesse ab – prozessgesteuerte Anwendungen dagegen differenzierende Prozesse.

Nicht wie Mashups:

Mashups bündeln Informationen unterschiedlicher Quellen in einer Benutzeroberfläche – prozessgesteuerte Anwendungen bündeln Prozesse.
Datenquellen werden durch Schnittstellen, nicht durch konkrete Systeme definiert.

Nicht wie EAI-Integrationslösungen:

EAI (Enterprise Application Integration) optimiert technische Kommunikation – prozessgesteuerte Anwendungen optimieren fachliche Abläufe.

Fazit: Prozessgesteuerte Anwendungen sind der Schlüssel zu echter Flexibilität

Der Kernvorteil besteht darin, dass sie:

  • Prozesse flexibel anpassen

  • Systeme entkoppeln

  • Fachbereiche in die Lage versetzen, Innovationen umzusetzen

  • IT-Landschaften harmonisieren, ohne sie umzubauen

  • bestehende Dienste intelligent wiederverwenden

Da sie auf den Grundideen von SOA basieren – aber die Fehler klassischer SOA-Umsetzungen vermeiden –, bilden sie einen entscheidenden Architekturbaustein moderner digitaler Unternehmen.

Quelle / Ursprung

Dieser Blogbeitrag basiert auf Inhalten aus dem Buch
„Prozessgesteuerte Anwendungen entwickeln und ausführen mit BPMN:
Wie flexible Anwendungsarchitekturen wirklich erreicht werden können“
von Prof. Dr. Volker Stiehl.

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