Deutschland kann Prozess
Warum aus unserer Prozesskompetenz eine neue digitale Exportindustrie entstehen kann
Deutschland wird derzeit schlecht geredet. Es ist zu langsam. Zu bürokratisch. Zu teuer. Zu wenig digital. Zu wenig innovativ. Zu wenig mutig. Zu wenig wachstumsstark.
Man kann diese Diagnose nachvollziehen. Im Kern ist sie sicherlich berechtigt. Aber eines ist klar: Ein Land redet sich nicht aus der Krise, indem es sich immer wieder bestätigt, wie schlecht es angeblich geworden ist. Was wir brauchen, ist ein positiver Gegenentwurf. Nicht im Sinne von Schönfärberei. Nicht im Sinne von „wird schon irgendwie“. Sondern im Sinne einer klaren Analyse und Perspektive:
Worin ist Deutschland eigentlich stark – und wie können wir aus dieser Stärke neue digitale Wertschöpfung machen?
Meine Antwort darauf lautet:
Deutschland kann Prozess.
Das klingt im ersten Moment vielleicht nicht besonders spektakulär. Prozesse wirken auf viele Menschen immer noch nach staubiger Verwaltung, Organisation, Dokumentation und Bürokratie. Also genau nach den Dingen, von denen wir eigentlich weniger haben wollen. Aber das ist die falsche Lesart. Richtig verstanden, sind Prozesse nicht primär Bürokratie. Prozesse sind zuallererst ausführbare Wertschöpfung. Prozesse sind die Art und Weise, wie ein Unternehmen sein Wissen, seine Fähigkeiten, seine Regeln, seine Qualität und seine Kundenbeziehungen in konkrete Leistung verwandelt.
Ohne Prozesse ist alles nichts: es wird nichts produziert, nichts geliefert, nichts abgerechnet, nichts entschieden, nichts genehmigt und nichts skaliert.
Kurz gesagt: Prozesse sind das Betriebssystem der Wirtschaft.
Und wenn es ein Land gibt, das historisch gelernt hat, komplexe Abläufe, Standards, Integration, industrielle Wertschöpfung und Qualität zu beherrschen, dann ist es Deutschland.
Deutschlands unterschätzte Prozess-DNA
Deutschland war nie nur ein Land der Maschinen. Deutschland war immer auch ein Land der Abläufe. Das sieht man an der Industrie. Das sieht man an der Logistik. Das sieht man an der Standardisierung. Das sieht man an der Art, wie Produkte nicht einfach hergestellt, sondern in komplexen Wertschöpfungsketten geplant, gefertigt, geprüft, geliefert, gewartet und weiterentwickelt werden. Das sieht man an den weltweit geschätzten Qualitätsstandards im Sinne des klassischen ´Made in Germany´. Man kann diese Stärke auch in der Software- und Prozesswelt sehen.
SAP wurde groß mit der Idee, betriebswirtschaftliche Standardprozesse in Software zu gießen. August-Wilhelm Scheer hat mit ARIS eine der prägendsten Methoden zur Beschreibung und Gestaltung von Geschäftsprozessen entwickelt. Signavio hat Prozessmodellierung und Prozessmanagement in eine neue webbasierte und kollaborative Welt geführt. Celonis hat mit Process Mining gezeigt, wie sich Prozesse auf Basis realer Daten analysieren und verbessern lassen. Dazu kommen zahlreiche Process Engines, BPM-Plattformen, Automatisierungslösungen, der prozessgesteuerte Ansatz sowie eine große Zahl exzellenter Prozessberaterinnen und Prozessberater, die seit Jahren genau das tun, was in vielen Unternehmen dringend gebraucht wird: Sie verstehen Abläufe, strukturieren Komplexität und machen Prozesse beherrschbar.
Das ist keine kleine Stärke, sondern ein strategischer Rohstoff! Nur nutzen wir ihn bislang viel zu defensiv.
Der alte Exportweltmeister exportierte Maschinen
Wie wir alle wissen, war Deutschland lange Exportweltmeister, weil es physische Produkte, Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge und industrielle Qualität in die Welt gebracht hat. Das war und ist eine enorme Leistung. Aber die entscheidende Frage lautet: Reicht dieses Modell für die Zukunft aus?
Ich glaube: nein! Denn die Zukunft ist zunehmend digital und somit schnell in ihren Veränderungen sowie fordernd in der Veränderungs- und Anpassungsfähigkeit.
Natürlich werden Maschinen, Anlagen und physische Produkte weiterhin wichtig bleiben. Niemand sollte so tun, als bestünde die Wirtschaft der Zukunft nur noch aus Apps, Plattformen und KI-Agenten. Das wäre Unsinn. Aber der strategische Wettbewerbsvorteil verschiebt sich zunehmend. Immer häufiger entsteht der eigentliche Wert nicht mehr nur im physischen Produkt, sondern durch das Produkt und die Prozesse drumherum: im digitalen Service, in der Plattformlogik, in der datenbasierten Steuerung, in der Automatisierung, in der Kundeninteraktion, in der Fähigkeit, komplexe Abläufe schnell, sicher und nachvollziehbar auszuführen. Was früher die Maschine war, kann morgen der ausführbare Prozess sein.
Oder zugespitzt:
Deutschland muss nicht nur Maschinen exportieren. Deutschland kann künftig ausführbare Prozesslösungen exportieren.
Der entscheidende Perspektivwechsel
Bis heute werden Prozesse in vielen Unternehmen vor allem dazu genutzt, Kosten zu senken. Es sind die klassischen Kennzahlen, die im Mittelpunkt stehen: Abläufe effizienter machen. Fehler reduzieren. Durchlaufzeiten verkürzen. Transparenz erhöhen. Ressourcen sparen. Das ist sicherlich wichtig. Aber es ist nicht genug. Und der Rest der Welt hat diesbezüglich signifikant aufgeholt.
Wer Prozesse nur zur Effizienzsteigerung nutzt, bleibt in der Logik des bestehenden Geschäftsmodells gefangen. Man macht das Bestehende etwas besser, schneller, günstiger oder stabiler. Die eigentlich spannende Frage lautet aber:
Wie können aus Prozesskompetenz neue Produkte, neue Geschäftsmodelle und neue Märkte entstehen?
Genau hier beginnt die neue Perspektive. Ein Prozess, der bei einem Unternehmen ein relevantes Problem löst, könnte auch bei vielen anderen Unternehmen dieses Problem lösen. Eine Prozesslösung, die heute im Projektgeschäft für einen Kunden entsteht, könnte morgen als digitales Produkt vielen Kunden zur Verfügung stehen. Aus einem Prozessprojekt wird also ein Prozessprodukt und aus Beratung wird skalierbare Wertschöpfung. Letztendlich wird, so meine Überlegung, aus Prozesswissen neues Business. Das ist der Punkt, an dem klassisches Prozessmanagement in Progressive BPM übergeht.
Progressive BPM: Prozesse nicht nur optimieren, sondern vermarkten
In meinem Grundlagenartikel zu Progressive BPM habe ich die These formuliert, dass Prozesse nicht länger nur das Geschäft unterstützen. In digitalen Geschäftsmodellen können Prozesse selbst zum Geschäft werden.
Genau dieser Gedanke ist für Deutschland besonders relevant.
Denn wir verfügen bereits über eine enorme Prozesskompetenz. Wir müssen sie nicht erst erfinden, da sie längst vorhanden ist:
In Unternehmen, die komplexe Wertschöpfung beherrschen.
In Beratungen, die Prozesse analysieren und gestalten.
In Softwarehäusern, die Prozesslogik in ausführbare Systeme übersetzen.
In Hochschulen, die Methoden und Werkzeuge weiterentwickeln.
Und in den Köpfen vieler Menschen, die seit Jahren Prozesse modellieren, automatisieren und verbessern.
Aber diese Kompetenz wird viel zu häufig nur intern oder projektbezogen genutzt:
Ein Unternehmen verbessert seinen eigenen Prozess.
Ein Berater löst ein Kundenproblem.
Ein Softwarehaus automatisiert eine spezielle Anforderung.
Danach geht es weiter zum nächsten Projekt. Das ist sicherlich solide. Aber es skaliert nicht ausreichend. Progressive BPM stellt daher eine andere Frage:
Welche dieser Prozesslösungen sind so wertvoll, dass daraus ein digitales Produkt für viele Kunden entstehen kann?
Das ist kein theoretischer Gedanke, denn viele Berater und Softwarehäuser machen die Vorstufe dazu bereits heute. Sie erkennen wiederkehrende Muster und sehen, welche Probleme bei vielen Kunden immer wieder auftreten. Sie wissen, welche Lösungen mehrfach nachgefragt werden. Und genau dort liegt der Schatz. Er wird jedoch häufig nicht gehoben.
Aus Prozesskompetenz kann eine neue Industrie entstehen
Wenn Deutschland seine Prozesskompetenz ernst nimmt, könnte daraus eine neue digitale Industrie entstehen. Dabei sollten wir nicht den Fehler begehen, Kopien amerikanischer Plattformmodelle zu erstellen oder versuchen, das nächste soziale Netzwerk, den nächsten Suchmaschinenriesen oder das nächste Large-Language-Model-Imperium aus dem Boden zu stampfen. Sondern wir sollten selbstbewusst aus einer eigenen Stärke heraus handeln. Deutschland könnte ausführbare Prozessprodukte entwickeln, die reale Probleme von Unternehmen, Branchen, Verwaltungen und später auch Endkunden lösen.
Konkrete Beispiele hierfür sind Prozessprodukte für…
…Regulierung
…Compliance
…Lieferketten
…Energie
…industrielle Dienstleistungen
…Gesundheitsprozesse
…Förderverfahren
…Mobilität
…Versicherungen
…Beschaffung
…Vertragsprüfung
…Behördenleistungen
…mittelständische Spezialprobleme, die global betrachtet plötzlich gar nicht mehr so klein sind.
Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Das klingt vielleicht auf dem ersten Blick unspektakulär, aber genau darin liegt die Chance. Denn die Welt braucht nicht nur spektakuläre Visionen. Sie braucht funktionierende, sichere, stabile und nachvollziehbare Lösungen für reale Probleme. Und genau dort ist Deutschland stark.
KI macht diesen Gedanken noch dringlicher
Aktuell sprechen alle über Künstliche Intelligenz. Auch das ist nachvollziehbar, denn KI wird vieles verändern, wir sehen es Tag für Tag. Sie kann schon heute Texte verstehen, Dokumente auswerten, Entscheidungen vorbereiten, Daten analysieren, Vorschläge formulieren und Interaktionen vereinfachen. Aber KI allein baut noch kein Geschäftsmodell. KI entfaltet ihren wirtschaftlichen Nutzen erst dann, wenn sie in stabile, sichere und nachvollziehbare Prozesse eingebettet wird. Gerade dort, wo Fehler teuer, gefährlich oder haftungsrelevant werden, gerade dort, wo die Nachweispflicht bzgl. der Produktions- und/oder Entscheidungsvorgänge essenziell (und oft durch den Gesetzgeber vorgeschrieben) ist, reicht es nicht, auf eine irgendwie intelligente Antwort zu hoffen. Dann braucht es ausführbare Prozesse, klare Abläufe, die nachvollziehbar sind mit klaren Verantwortlichkeiten und Sicherheit. Deshalb ist jetzt nicht die Zeit, Prozesskompetenz kleinzureden. Im Gegenteil: Im KI-Zeitalter wird sie wichtiger.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur (und hier wiederhole ich den Kerngedanken aus meinem Grundlagenartikel):
Wie sparen wir mit KI Geld?
Sondern:
Wie schaffen wir mit KI und ausführbaren Prozessen neue Wertschöpfung?
Genau an dieser Stelle kann Deutschland eine starke Rolle spielen.
Nicht verwalten. Exportfähig machen.
Die bittere Ironie besteht darin, dass Deutschland ausgerechnet in dem Feld stark ist, das viele selbst für langweilig halten:
Prozesse
Abläufe
Standards
Integration
Nachvollziehbarkeit
Ausführung
Qualität
Das klingt wahrlich nicht nach Silicon Valley, nach großer Bühne oder Hype. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Deutschland muss nicht versuchen, eine schlechte Kopie anderer Innovationskulturen zu werden. Deutschland sollte aus seinen eigenen Stärken Zukunft machen. Und eine dieser Stärken ist ohne Zweifel die Fähigkeit, komplexe Prozesse zu verstehen, zu strukturieren und zuverlässig umzusetzen.
Die entscheidende Aufgabe lautet daher:
Wir müssen Prozesskompetenz produktfähig machen.
Also nicht nur beraten, dokumentieren, optimieren und intern einsetzen, sondern in ausführbare digitale Produkte, Plattformen und neue Unternehmen überführen. Das wäre eine neue Form von „Made in Germany“, weg von Maschinen, Anlagen, Autos und hin zu ausführbare Prozesslösungen für reale Probleme.
Was jetzt zu tun ist
Wenn dieser Gedanke trägt, dann hat dies signifikante Auswirkungen und betrifft viele Akteure gleichzeitig:
Prozessberater sollten prüfen, welche ihrer wiederkehrenden Lösungen das Potenzial für ein Produkt haben.
Softwarehäuser sollten nicht nur individuelle Kundenanforderungen umsetzen, sondern wiederverwendbare Prozessprodukte entwickeln.
Mittelständische Unternehmen sollten sich fragen, ob ihre besten internen Prozesslösungen vielleicht auch für andere Unternehmen wertvoll sein könnten.
Hochschulen sollten Studierende nicht nur befähigen, bestehende Organisationen und Prozesse zu analysieren, sondern neue prozessbasierte Geschäftsmodelle zu entwickeln und zu implementieren (mit gravierenden Auswirkungen auf die Informatikausbildung, in der diese Aspekte überhaupt noch nicht adressiert werden)
Investoren sollten verstehen, dass nicht jedes spannende digitale Unternehmen wie eine App aussehen muss. Manche der besten digitalen Geschäftsmodelle werden vermutlich sehr nüchtern beginnen: mit einem exzellent verstandenen Prozessproblem.
Und etablierte Unternehmen sollten aufhören, Prozessmanagement nur als interne Effizienzdisziplin zu betrachten. Es könnte der Ausgangspunkt ihres nächsten digitalen Geschäftsmodells sein.
Deutschland kann Prozess
Ich weiß, das klingt groß. Aber wenn wir in Deutschland wieder über wirtschaftliche Zukunft sprechen wollen, brauchen wir solche positiven Erzählungen. Ich halte sie auch nicht für Träumerei, sondern als realistische Mobilisierung vorhandener Stärken. Denn (und da werden Sie mir hoffentlich zustimmen):
Deutschland hat Prozesskompetenz.
Deutschland hat Methodenkompetenz.
Deutschland hat industrielle Erfahrung.
Deutschland hat Software- und Beratungskompetenz.
Deutschland hat Unternehmen, die reale Probleme kennen.
Deutschland hat Gründerinnen und Gründer, die daraus neue Lösungen bauen könnten.
Was fehlt, ist also nicht die Grundlage. Es fehlt der Mut, diese Grundlage anders zu denken. Denn Veränderung beginnt im Kopf und lässt sich wie folgt explizit formulieren (siehe hierzu auch die umfangreichere Diskussion dazu in meinem Grundlagenartikel zu „Classic BPM vs. Progressive BPM“):
Nicht mehr nur „interne Optimierung“, sondern „neue digitale Wertschöpfung“.
Nicht „Projekt“, sondern „Produkt“.
Nicht „Verwaltung der Vergangenheit“, sondern „Gestaltung der Zukunft“.
Deshalb lautet meine These:
Deutschland kann Prozess. Jetzt muss daraus Zukunft entstehen.
Deutschland sollte seine Prozesskompetenz nicht länger nur verwalten, sondern in exportfähige digitale Produkte, neue Unternehmen und neue Märkte überführen.
Lassen Sie uns gemeinsam den nächsten Exportweltmeister schaffen: Deutschland als Anbieter ausführbarer digitaler Prozesslösungen.

