Warum IT-Architekturen scheitern – typische technische & organisatorische Problemfelder
Digitale Transformation, Künstliche Intelligenz, Prozessautomatisierung und steigende Marktdynamik setzen Unternehmen unter Druck: IT-Architekturen müssen flexibel, skalierbar und robust sein.
Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Viele Architekturprojekte scheitern – nicht aus mangelndem Technologie-Know-how, sondern aufgrund wiederkehrender Muster, die sowohl technisch als auch organisatorisch begründet sind.
Diesen Mustern wollen wir uns in diesem Blogbeitrag widmen. Denn ein Blick in die Praxis zeigt: Ganz gleich ob klassische Enterprise-Anwendungen, moderne Prozessanwendungen oder serviceorientierte Architekturen – die Stolpersteine sind erstaunlich ähnlich.
1. Hohe Kopplung: Wenn Systeme einander gefangen halten
Einer der zentralen Gründe für das Scheitern moderner Architekturen ist die zu starke Abhängigkeit von bestehenden Systemen und deren Datenhaltung.
So scheiterten beispielsweise in der frühen SOA-Phase Projekte trotz modernster Frameworks, weil sie zu eng mit der Systemlandschaft verwoben waren. Änderungen in einem Backend führten sofort zu notwendigen Anpassungen in der Endanwendung.
Typische Folgen:
hohe Kosten bei jeder Anpassung
kaum Möglichkeit, Prozesse flexibel zu verändern
Abhängigkeiten, die niemand mehr überblickt
Stillstand in der Weiterentwicklung
Lose Kopplung bleibt damit ein oft proklamiertes, aber selten konsequent umgesetztes Prinzip.
2. Fehlende Abstraktion und falsche Architekturparadigmen
Ein weiterer Grund für das Scheitern: Paradigmen aus monolithischer Entwicklung werden eins zu eins in verteilte Architekturen übertragen.
So wurden in frühen SOA-Projekten objektorientierte Muster einfach in serviceorientierte Szenarien übernommen – mit fatalen Folgen. Datentypen, Transaktionen, Kommunikationsmuster und Zustandsverhalten passen nicht mehr zusammen.
Warum das gefährlich ist:
OO-Patterns funktionieren nicht automatisch in verteilten Systemen
Entwickler verwenden gewohnte Ansätze statt passender neuer Konzepte
Komplexität steigt, während Robustheit sinkt
Ein Paradigmenwechsel braucht ein Umdenken – technologisch und kulturell.
3. Projektzeitdruck und Budgetknappheit
Die Realität in Projekten: Architekturqualität wird oft dem kurzfristigen Lieferdruck geopfert.
Zeitmangel und Budgetrestriktionen verhindern, dass robuste Architekturen entstehen – obwohl die Folgen seit Jahren bekannt sind. Kurzfristig spart man Zeit, langfristig explodieren die Wartungskosten.
Typische Auswirkungen:
fehlende Architekturprinzipien
technische Schulden
unklare Verantwortlichkeiten
fehlende Dokumentation
Das Ergebnis: Systeme, die nach kurzer Zeit kaum noch weiterentwickelbar sind.
4. Organisatorische Silos und unklare Verantwortlichkeiten
Technik allein entscheidet nicht über Erfolg – Organisationen oft umso mehr.
Projekte scheitern, wenn:
Business, IT und Architekturteam nicht eng zusammenarbeiten
Schnittstellen und Rollen unklar sind
Entscheidungen politisch statt fachlich getroffen werden
kein gemeinsames Verständnis von Flexibilität vs. Stabilität existiert
Gerade in prozessgesteuerten Architekturen ist die Zusammenarbeit über Abteilungssilos hinweg entscheidend – und oft die größte Herausforderung.
5. Fehlender Fokus auf Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit
Ein besonderer Punkt: Architekturen scheitern, weil Unabhängigkeit nicht als primäres Ziel gedacht wird.
Obwohl bekannt ist, wie wichtig die Entkopplung von Backend-Systemen ist, werden deren Daten und Strukturen dennoch direkt in Anwendungen gezogen – oft mit der Begründung:
„Wir brauchen das zwingend in unserer Endanwendung.“
Das Problem ist nicht die Abhängigkeit selbst, sondern die fehlende Bereitschaft, Alternativen zu denken:
kanonische Datenmodelle
Integrationsschichten
Prozessentkopplung
Cross-Referenz-Tabellen
servicevertragliche Abstraktion
Diese Werkzeuge existieren – werden aber organisatorisch häufig nicht priorisiert.
Fazit: IT-Architekturen scheitern selten an Technologie – sondern an Haltung
Die Beispiele aus realen Projekten zeigen:
Scheitern entsteht immer dort, wo kurzfristige Entscheidungen über langfristige Architekturqualität gestellt werden.
Erfolgreiche Architekturen zeichnen sich durch drei Dinge aus:
Technische Prinzipien wie lose Kopplung, klare Serviceverträge, Abstraktion und Wiederverwendbarkeit
Organisatorische Reife, die Rollen, Entscheidungswege und Zusammenarbeit regelt
Kulturelles Mindset, das nachhaltige Architektur als strategischen Vermögenswert begreift
Wer diese Punkte konsequent umsetzt, baut nicht nur Software, sondern ein Fundament für Agilität, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.
Quelle / Ursprung
Dieser Blogbeitrag basiert auf Inhalten aus dem Buch:
„Prozessgesteuerte Anwendungen entwickeln und ausführen mit BPMN:
Wie flexible Anwendungsarchitekturen wirklich erreicht werden können“
von Prof. Dr. Volker Stiehl

